40 Prozent der Arztstellen, die seit der Pandemie vakant wurden, sind laut McKinsey (2024) trotz aktiver Rekrutierung unbesetzt geblieben. Bei spezialisierten Führungspositionen wie dem leitenden Oberarzt ist die Besetzung noch schwieriger. 52 Prozent der Ärzte priorisieren heute Work-Life-Balance über Karriere. 35 Prozent erwägen, ihre Position zu verlassen. Zwei Drittel davon würden keine klinische Karriere mehr fortsetzen. Das sind Zahlen, die auch die Suche nach einem leitenden Oberarzt erschweren.
Inhalt
- Leitende Oberärzte: Zwischen Medizin, Management und Realität
- Warum Kliniken beim Recruiting von leitenden Oberärzten an Grenzen stoßen
- Weshalb klassische Stellenausschreibungen für leitende Oberärzte oft ins Leere laufen
- Die Rolle von Personalberatung und ihre Grenzen
- Fazit
- FAQs
Leitende Oberärzte: Zwischen Medizin, Management und Realität
Leitender Oberarzt: Die Sandwichposition
Warum Kliniken beim Recruiting von leitenden Oberärzten an Grenzen stoßen
Der deutsche Gesundheitsmarkt nicht mehr nur konjunkturell, sondern langfristig durch Fachkräfteengpässe geprägt ist. Dazu zählen unter anderem Nachwuchsprobleme, demografische Effekte, hohe Dokumentationspflichten und administrative Belastung, die allesamt langfristige strukturelle Effekte haben. Das schlägt auch auf den Markt für leitende Oberärzte durch:
Routineaufgaben und Dokumentationsdruck beanspruchen einen großen Teil der ärztlichen Arbeitszeit. In einer Umfrage des Marburger Bundes gaben viele Oberärzte an, dass die überbordende Bürokratie die zur Verfügung stehende Zeit für Patientenversorgung, Ausbildung und Leitungsfunktionen deutlich schmälert. Das erzeugt nicht nur Stress, sondern mindert auch die Attraktivität der Position.
Leitende Oberärzte: Bürokratie dominiert Klinikalltag
Quelle Zahlen: Marburger Bund nach Medscape
Grafik: WK Personalberatung
Studien (u.a. Rochus Mummert) zur Karriereplanung von Oberärzten zeigen, dass neben Karriereaspekten auch Arbeitszeitmodelle, Vereinbarkeit von Beruf und Leben und unterstützende Rahmenbedingungen entscheidende Faktoren bei beruflichen Entscheidungen sind. Viele Kliniker geben an, sich unzureichend auf Führungsrollen vorbereitet zu fühlen und sehen Verbesserungspotenzial in der Unterstützung durch Arbeitgeber.
Analysen über die ärztliche Versorgung zeigen, dass der deutsche Gesundheitssystem-Arbeitsmarkt aufgrund einer alternden Ärzteschaft, zu wenig Nachwuchs und fehlender Kapazitäten in der Ausbildung langfristig unter Druck steht. Bis 2035 wird in mehreren Studien (u.a. von McKinsey) ein zunehmender Engpass bei Ärzten prognostiziert, der sich auch auf Führungsrollen auswirkt, weil die Zahl potenzieller Nachfolger sinkt.
Administrative Aufgaben werden immer mehr zum Stressor
Besonders kritische Fachbereiche: Wo leitende Oberärzte schwer zu besetzen sind
Anästhesie und Intensivmedizin
60 Prozent der rund 2 Millionen Intensivpatienten in Deutschland pro Jahr werden von Anästhesisten betreut. Die zunehmende Bürokratisierung lassen den Fachbereich bei steigenden Fallzahlen, hoher emotionaler Belastung und chronischem Personalmangel immer unattraktiver erscheinen – das betrifft besonders junge Ärzte. Zudem weisen Intensivmediziner mit 43 Prozent eine der höchsten Burnout-Raten auf.
Psychiatrie und Psychosomatik
Die Kinder- und Jugendpsychiatrie verzeichnete laut Zi 2023 einen Fallzahlenanstieg von 6,8 Prozent. Gleichzeitig können mehr als die Hälfte der psychiatrischen Einrichtungen die gesetzlichen Mindestvorgaben für Personalausstattung nicht einhalten (vgl. Ärzteblatt). Als Hauptgrund nennen die Kliniken Schwierigkeiten bei der Personalgewinnung. Steigende Fallzahlen, hohe emotionale Belastung und chronischer Personalmangel machen leitende Funktionen hier besonders fordernd. Gute Leute sind selten verfügbar und wechseln – wenn überhaupt – nur sehr gezielt.
Geriatrie
Ein Wachstumsbereich mit strukturellem Nachwuchsproblem und dünner Bewerberdecke. Medizinisch anspruchsvoll, wirtschaftlich sensibel, organisatorisch komplex. Die demografische Entwicklung verschärft die Situation: 23 Prozent aller berufstätigen Ärzte sind älter als 60 Jahre, mehr als 40.000 Ärzte (9 Prozent) haben das 65. Lebensjahr überschritten. Gleichzeitig steigt der Versorgungsbedarf durch die alternde Gesellschaft kontinuierlich an.
Innere Medizin (insbesondere Kardiologie, Gastroenterologie)
Das Rückgrat vieler Kliniken. Die Innere Medizin ist mit 2.248 Facharzttiteln pro Jahr die beliebteste Facharztrichtung in Deutschland, was den enormen Bedarf widerspiegelt. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind die Todesursache Nummer eins (36 Prozent aller Todesfälle), gleichzeitig steigen die vollstationären Aufenthalte kontinuierlich an. Entsprechend hoch sind die Anforderungen an Führung, Qualität und Prozesssicherheit in diesen Abteilungen. Die Komplexität der Fälle, der Druck durch MDK-Prüfungen und die Notwendigkeit interdisziplinärer Abstimmung machen leitende Positionen auch hier besonders anspruchsvoll.
Weshalb klassische Stellenausschreibungen für leitende Oberärzte oft ins Leere laufen
Was erfolgreiche Besetzungen unterscheidet
- gezielte Direktansprache, statt Massenkommunikation
- fachliches Verständnis, um auf Augenhöhe sprechen zu können
- Ehrliche Einordnung der Rahmenbedingungen – was die Klinik bieten kann und was nicht
Die Rolle von Personalberatung bei der Suche nach leitenden Oberärzten und ihre Grenzen
Spezialisierte Personalberatung kann hier einen echten Unterschied machen. Nicht, weil sie „besser sucht“, sondern weil sie einfach anders vorgeht. Sie kennt den Markt, weiß, wer grundsätzlich infrage kommt, und kann Gespräche führen, bevor formale Prozesse starten. Sie schafft Diskretion, sortiert unrealistische Erwartungen aus und übersetzt zwischen Klinikrealität und Kandidatenperspektive.
Fazit
FAQs
Was unterscheidet den leitenden Oberarzt vom „normalen“ Oberarzt?
Wie viel verdient ein leitender Oberarzt?
Das Gehalt ist tarifvertraglich geregelt und liegt je nach Dienstjahren zwischen etwa 131.000 und 148.000 Euro brutto jährlich (TV-Ärzte VKA). In einigen Fällen bieten Kliniken außertarifliche Verträge (AT) an, um besonders gefragte Kandidaten zu gewinnen – dann sind Verhandlungen möglich. Doch Geld allein überzeugt heute kaum noch: Studien zeigen, dass Work-Life-Balance für viele Oberärzte wichtiger ist als das reine Gehalt.



