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Abwärmenetze unter Zeitdruck: Wärmewende wird zum Personalthema

Industrielle Abwärme für Wärmenetze nutzen

Abwärmenetze wie das jüngst in Augsburg gestartete Netzwerk zeigen, was möglich ist, wenn Stadtwerke, Industrie und Kommune an einem Strang ziehen. Was dort gerade entsteht, ist auch ein Blaupause-Modell. Was in Augsburg an Planungskapazität, Koordination und technischer Expertise gebraucht wird, wird bald überall gesucht. Gleichzeitig. Technisch ist vieles lösbar. Die eigentliche Herausforderung liegt in Organisation, Steuerung und Umsetzungsgeschwindigkeit. Und damit bei den Menschen, die solche Projekte tragen.

Inhalt

  1. Abwärmenetze sind Infrastrukturarbeit
  2. Rollen, die jetzt fehlen
  3. Gesetzliche Fristen setzen den Takt und verengen den Personalmarkt
  4. Was jetzt sinnvoll ist
  5. Fazit
  6. FAQs

Abwärmenetze sind Infrastrukturarbeit

Als in Augsburg das erstes regional organisiertes Abwärmenetzwerk dieser Art in Deutschland gestartet ist, ist viel über Innovationscharakter gesprochen worden. Tatsächlich ist der Ansatz technisch nicht neu: Industrielle Abwärme wird seit Jahrzehnten, z. B. in Stahlwerken oder Chemieanlagen, wo Abwärme über 100 bis 200 °C teilweise zurückgewonnen wird, punktuell genutzt. Neu ist der systematische Ansatz, also die strukturierte Einbindung mehrerer Industriequellen in eine kommunale Wärmestrategie.

Leuchtturmprojekt: Abwärmenetz in Augsburg

Quelle Zahlen: Bayern Innovativ
Grafik: WK Personalberatung

Mit der kommunalen Wärmeplanung wird erstmals flächendeckend erfasst, wo Wärmepotenziale liegen, wie Netze ausgebaut werden können und welche Energiequellen mittel- bis langfristig tragfähig sind. Abwärme wird dadurch von einer Opportunitätslösung zu einer strategischen Option. Das betrifft nicht nur einzelne Großstädte. Industriecluster mit signifikanten Abwärmepotenzialen gibt es in vielen Regionen. Überall dort, wo Prozesswärme anfällt, beispielweise bei Stahl, Chemie, Lebensmittel, Rechenzentren, stellt sich dieselbe Frage: Lässt sich diese Energie netzfähig machen?

Wärmeplanung ist in den Bundesländern unterschiedlich geregelt

Quelle Zahlen: BMWSB
Grafik: WK Personalberatung

In der öffentlichen Darstellung wirken solche Netzwerke oft wie logische Ergänzungen bestehender Fernwärmesysteme. In der Praxis sind sie komplexe Transformationsprojekte. Abwärmequellen sind technisch anspruchsvoll: unterschiedliche Temperaturniveaus, schwankende Verfügbarkeit, prozessabhängige Lastgänge. Hinzu kommen Investitionsentscheidungen für Großwärmepumpen, Speicherlösungen und Netzverstärkungen – sowie eine Abwärmeverfügbarkeit, die oft saisonal verschoben und an Produktionszyklen gekoppelt ist.

Abwärmenetze: Was in der Planung tatsächlich passiert

Das bedeutet: Es braucht eine technische Bewertung der Nutzbarkeit. Temperaturniveaus müssen angepasst werden (z. B. durch Großwärmepumpen). Einspeisepunkte müssen hydraulisch in bestehende Netze integriert werden. Netzstabilität und Redundanz müssen neu berechnet werden. Lieferbeziehungen zwischen Industrie und Versorger müssen rechtlich und wirtschaftlich strukturiert werden. Dazu kommen Genehmigungsfragen, Förderbedingungen, Investitionsmodelle und politische Abstimmung. Das verändert den Charakter solcher Projekte. Aus Einzelmaßnahmen werden Infrastrukturprogramme. Die müssen geplant werden. Und Planung bedeutet Personal. Und sie läuft bundesweit parallel.

Rollen, die jetzt fehlen

Die Engpässe entstehen vorrangig dort, wo Technik, Wirtschaftlichkeit und Steuerung zusammenlaufen. Bei Abwärmeprojekten bremsen in der Praxis gerade Schnittstellen zwischen technischer Machbarkeit, Business Case und Governance (Kommune, Versorger, Industrie).

Strategische Koordination zwischen Kommune und Industrie

Das ist die Rolle, die am häufigsten unterschätzt wird und die am schwersten zu besetzen ist. Industrieunternehmen denken typischerweise in Produktionssicherheit und Prozessstabilität. Versorger denken in Netzstabilität, regulatorischen Rahmenbedingungen und Versorgungssicherheit. Abwärmeprojekte funktionieren nur, wenn jemand Produktionsprozesse, Wärmenetzlogik, Vertragsrisiken und Förderkulissen versteht und zwischen beiden Logiken vermitteln kann.

Diese Profile kommen selten aus einer einzigen Laufbahn. Typisch sind Wege wie: ein Energiemanager aus der Chemieindustrie, der später in die Projektentwicklung eines Stadtwerks gewechselt ist. Oder ein Fernwärmeplaner, der mehrere Jahre Industrieprojekte begleitet hat. Solche Querläufer entstehen nicht durch klassische Karrierepfade, sondern durch ungewöhnliche Jobwechsel und persönliches Interesse an beiden Welten.

Technische Systemplaner mit Netzerfahrung

Die Integration mehrerer Abwärmequellen in bestehende oder neue Wärmenetze braucht Erfahrung in Lastgangmodellierung, Temperaturoptimierung, hydraulischer Netzsimulation, der Einbindung dezentraler Einspeiser und Speicheranbindung – idealerweise alles zusammen. Wärmenetz‑ und Systemplaner mit dieser Breite sind bundesweit stark nachgefragt (kommunale Wärmeplanung, Transformationspläne, Netzausbau). Planungsbüros arbeiten vielerorts bereits am Limit; durch kommunale Wärmepläne, Transformationspläne nach GEG, Ausbauplanungen etc. Nachwuchstalente brauchen mehrere Jahre, bis sie eigenständig Verantwortung übernehmen können. Die Kombination aus thermischer Systemtechnik, Regulierung, Praxiswissen und Projektsteuerung ist erfahrungsgemäß kein „Ein‑Jahres‑Thema“.

Projektleitung Wärmenetz

Gesucht werden Führungskräfte, die Tiefbau, Rohrleitungsbau und Energietechnik zusammendenken. Denn Wärmenetzprojekte sind technisch interdisziplinär und stark baulich geprägt. Hierzu muss die Projektleitung Investitionsvolumina steuern, Förderlogik einordnen, Industriepartner verhandeln und kommunalpolitische Prozesse begleiten. Das ist keine klassische Bauleitung. Und kein reiner Energieingenieur. Fachkräfte, die das mitbringen, sitzen meist bereits in laufenden Transformationsprojekten wie Fernwärmeausbau, Wasserstoffinfrastruktur. Und sie wechseln erfahrungsgemäß selten.

Gesetzliche Fristen setzen den Takt und verengen den Personalmarkt

Die Diskussion über Wärmewende und Wärmenetze ist seit einigen Jahren im Raum, aber erst durch das neue Wärmeplanungsgesetz (WPG) ist seit Anfang 2024 Wärmeplanung flächendeckend verpflichtend und verankert feste Fristen, wodurch sich der Bedarf an Planungsleistungen zeitlich bündelt. Das WPG verpflichtet die Länder, sicherzustellen, dass für alle Gemeindegebiete Wärmepläne erstellt werden.

Kommunale Wärmeplanung: Fristen und Pflichtquoten

Diese rechtliche Vorgabe schafft einen konkreten Zeitplan für Maßnahmen, Projekte und Personalbedarf. Sie umfasst Dinge, die in Organisationen personelle Kapazität erfordern:
  1. Erfassung und Bewertung bestehender Wärme- und Potenzialdaten.
  2. Identifikation von Wärmequellen (inklusive industrieller Abwärme) und Wärmebedarf.
  3. Modellierung von Szenarien, Netzvarianten, Einspeiseoptionen.
  4. Strategien für Netz- oder Systemausbau.
  5. Abstimmung mit behördlichen Vorgaben und anderem Planungsrecht.
Das heißt aber auch: Es entsteht kein linearer Personalbedarf, der sich über Jahre verteilt. Sondern ein zeitlich eng getakteter Bedarf, der bundesweit parallel entsteht. Organisationen, die erst auf Fördermittel und Zuschüsse warten (müssen) stehen vor einem realen Problem:

Wenn die Deadline näher rückt, sind die Profile, die für frühe Planungs- und Umsetzungsphasen gebraucht werden, schon auf andere Projekte verteilt. Projekte mit früheren Fristen binden sie, vor allem auch in Bundesländern, in denen das WPG früher umgesetzt wird. Das gilt für Industriekunden, Stadtwerke und öffentliche Verwaltungen gleichermaßen.

Die Personalanforderungen treten nicht erst in der Bau- oder Umsetzungsphase auf, sondern bereits in der Planungsphase. Diese Phase ist entscheidend, weil sie die Grundlage für spätere Investitionen, Förderbescheide und Netzentscheidungen liefert.

Was jetzt sinnvoll ist

Der Markt wartet nicht auf Förderbescheide. Und er wartet nicht auf abgeschlossene Wärmepläne. Transformationspläne (bis 31.12.2026) und kommunale Wärmepläne (bis 30.06.2026 für Großstädte) laufen parallel. Viele Experten, die für frühe Planungs- und Umsetzungsphasen gebraucht werden, sind bereits jetzt in WPG-Transformationsplänen oder BEW-Modul-2-Vorbereitungen gebunden. Und viele Organisationen unterschätzen den Personalaufwand solcher Vorhaben. Auch weil es hier um Rollen geht, die neu und hybrid angelegt sind.
Drei Dinge helfen konkret:
Erstens: Rollen sauber definieren, bevor gesucht wird. Wer eine Stelle ausschreibt, ohne das tatsächliche Anforderungsprofil durchdacht zu haben, bekommt viele Bewerbungen, aber selten die richtigen. Bei hybriden Rollen, wie sie Abwärmeprojekte typischerweise erzeugen, lohnt es sich, vor der Ausschreibung eine präzise Kompetenzanalyse zu machen: Was muss diese Person wirklich können? Was kann intern ergänzt oder entwickelt werden?
Zweitens: Den Markt realistisch einschätzen. Erfahrene Profile in diesem Segment sind nicht über klassische Stellenbörsen zu erreichen. Sie wechseln selten aktiv, und wenn, dann in Projekte, die ihnen inhaltlich etwas bieten. Das bedeutet: Direktansprache, Marktkenntnis und ein überzeugendes Projektbild sind Voraussetzung.
Drittens: Früh anfangen. Die Vorlaufzeit für die Besetzung spezialisierter Rollen beträgt realistisch sechs bis zwölf Monate. Wer das einkalkuliert, hat eine Chance. Wer wartet, bis das Projekt grünes Licht hat, verliert diese Zeit unwiederbringlich.
Personalberatung kann hier Transparenz herstellen: Wer ist tatsächlich verfügbar? Wer ist projektgebunden? Unter welchen Bedingungen wäre ein Wechsel denkbar? Gerade bei Rollen, die es in dieser Form erst seit wenigen Jahren gibt, entscheidet diese Marktkenntnis über Geschwindigkeit – oder Stillstand.

Fazit

Abwärmenetze sind heute Gegenstand kommunaler Wärmepläne, industrieller CO2-Strategien und milliardenschwerer Investitionsprogramme. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern wer. Wer plant die Netze? Wer verhandelt mit der Industrie? Wer steuert Projekte, die gleichzeitig Tiefbau, Regulatorik und Kommunalpolitik sind?
Diese Rollen existieren. Aber sie sind rar, sie sind gebunden und sie entstehen nicht schnell genug nach. Das ist kein temporäres Marktproblem. Es ist ein strukturelles: Der Arbeitsmarkt für Energieinfrastruktur hat die Gleichzeitigkeit der Transformation noch nicht eingepreist.
Organisationen, die das früh erkennen und früh handeln, werden ihre Projekte umsetzen. Die anderen werden auf Kapazitäten warten, die anderswo gebunden sind.

FAQs

Warum ist die Personalsuche für Abwärmenetze so schwierig?

Diese Projekte verlangen eine seltene Kombination aus Wärmenetz- und Infrastrukturplanung – einschließlich der zugehörigen Tiefbaukomponenten – und dem Verständnis industrieller Prozesswärme. Passende Experten müssen zudem die Sprache der Industrie und der Stadtwerke gleichzeitig sprechen. Solche Brückenbauer sind am freien Markt kaum verfügbar. Der massive Zeitdruck durch das Wärmeplanungsgesetz verschärft diesen Engpass zusätzlich. Wer heute Abwärmenetze realisieren will, konkurriert bundesweit um dieselben wenigen Köpfe.

Welche Rolle spielt die Koordination bei Projekten für Abwärmenetze?

Die technische Planung ist oft weniger komplex als die rechtliche und wirtschaftliche Abstimmung. Ein Projektleiter für (Ab-)Wärmenetze muss Verträge zwischen privaten Industriebetrieben und kommunalen Versorgern moderieren. Hier treffen völlig unterschiedliche Investitionszyklen und Risikokulturen aufeinander. Ohne erfahrene Mediatoren an den Schnittstellen scheitern viele Vorhaben bereits in der Konzeptionsphase. Fingerspitzengefühl und Verhandlungsgeschick sind daher häufig wichtiger als das reine Ingenieurwissen.

Wie lange dauert es, ein Team für neue Abwärmenetze aufzubauen?

Rechnen Sie für die Besetzung der Kernrollen mit einer Vorlaufzeit von sechs bis zwölf Monaten. Die Kündigungsfristen bei Energieversorgern und großen Industriekonzernen sind traditionell sehr lang. Wer erst bei finalem Ratsbeschluss mit der Suche beginnt, gefährdet seine Umsetzungsfristen massiv. Ein proaktiver Suchlauf im Markt ist für den Erfolg Ihrer Abwärmenetze daher zwingend erforderlich. Nur ein früher Start sichert Ihnen den Zugriff auf wechselbereite Spezialisten.

Sind externe Berater eine dauerhafte Lösung für geplante Abwärmenetze?

Externe Expertise ist für die initiale Machbarkeitsstudie und technische Simulationen absolut sinnvoll. Dennoch braucht jedes Projekt ein internes Gesicht für die langfristige Begleitung der Partner vor Ort. Abwärmenetze basieren auf jahrzehntelangen Kooperationen und tiefem Vertrauen zwischen den Akteuren. Dieses Vertrauensverhältnis lässt sich nur schwer durch ständig wechselnde externe Berater aufrechterhalten. Investieren Sie daher frühzeitig in den Aufbau eigener, loyaler Projektverantwortlicher.

Was macht einen Arbeitgeber für Spezialisten für Abwärmenetze attraktiv?

Fachkräfte in diesem Bereich suchen vor allem nach Projekten mit hoher strategischer Relevanz. Sie wollen die Wärmewende nicht nur verwalten, sondern aktiv an der Schnittstelle zur Industrie gestalten. Kurze Entscheidungswege und ein direktes Reporting an die Geschäftsführung sind starke Argumente. Zeigen Sie auf, dass Ihre Abwärmenetze ein Kernpfeiler der lokalen Dekarbonisierungsstrategie sind. Sinnhaftigkeit gepaart mit echter Entscheidungskompetenz schlägt am Ende oft das reine Gehaltsangebot.

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