Auch in der Versicherungsbranche ist seit einigen Jahren ein akuter Fachkräftemangel spürbar. Dieser ist auf ein Überangebot von offenen Stellen für potenzielle Versicherungsfachkräfte und dem Renteneintritt langjähriger und damit erfahrener Mitarbeiter zurückführbar. Das führt dazu, dass die Teams unterbesetzt sind und die verbleibenden Kollegen stark belastet werden. Neue Fachkräfte zu finden ist entsprechend schwierig. Und kurzfristige Lösungen wie Interimskräfte sind auf Dauer teuer. Damit stellt sich die Frage, wie stabil die aktuelle Entwicklung bei den Beschäftigten- und Auszubildendenzahlen wirklich ist und ob die Branche dem zu erwartenden demografischen Schock in den kommenden Jahren gewachsen sein wird.
Inhalt
- Das Recruiting in der Versicherungsbranche wird schwieriger
- Drei einfache Lösungen für den Fachkräftemangel in der Versicherungsbranche
- Fazit
- FAQs
Das Recruiting in der Versicherungsbranche wird schwieriger
In den nächsten fünf Jahren wird sich der Fachkräftemangel in der Versicherungsbranche spürbar zuspitzen. Das zumindest ist das Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Beratungsunternehmens Robert Half, bei welcher 245 Entscheider aus der Finanzbranche, darunter 91 von Versicherern zu HR-Fragen befragt wurden.
So haben sich die Beschäftigtenzahlen in der Versicherungsbranche entwickelt
Quelle Zahlen: AGV
Grafik: WK Personalberatung
Sind diese Befürchtungen begründet? Die aktuellen AGV-Beschäftigungsstatistiken zeichnen zunächst einmal ein positives Bild. Die Gesamtzahl der Arbeitnehmer in der Versicherungsbranche ist im letzten Jahr um 2,61 Prozent gestiegen. Und auch die Auszubildendenzahlen sehen gut aus: Mit 11.400 Azubis verzeichnet die Branche in 2024 einen Zuwachs von 7,55 Prozent.
Beschäftigung bei Versicherern: Auf den ersten Blick machen die Branchenzahlen Hoffnung
Quelle Zahlen: AGV
Grafik: WK Personalberatung
Selbst bei einem jährlichen Wachstum von 2,45 Prozent würde diese Lücke nicht ausgeglichen. Trotz dieses Anstiegs würden mehr als 20.000 Innendienst-Fachkräfte fehlen. Das aktuelle Wachstum bei den Beschäftigungszahlen kann also höchstens die Lücke verkleinern, aber bei weitem nicht schließen. Die demografischen Verluste sind dafür einfach zu groß. Hinzu kommt, dass die aktuelle Entwicklung wahrscheinlich ein statistischer Ausreißer ist und vermutlich Post-Corona-Effekte widerspiegelt.
Fachkräftemangel in der Versicherungsbranche: Hoffnungsträger Ausbildung?
Ein Lichtblick könnte die Entwicklung der Auszubildendenzahlen sein. Mit 11.400 Azubis verzeichnet die Versicherungsbranche in 2024 ein Plus von 7,55 Prozent. Bei einer Verbleibequote von 82 Prozent bleiben jährlich etwa 9.350 frisch ausgebildete Fachkräfte in der Branche. Wenn diese Zahlen konstant blieben, würde das ausreichen, um die demografischen Verluste in den nächsten Jahren zu kompensieren. Warum rechnet also dennoch fast die Hälfte der Entscheider mit personalbedingten Umsatzproblemen?
Auch hier liegt der Teufel im Detail. Zum einen ist fraglich, ob die aktuell hohen Azubi-Zahlen nachhaltig sind. Das Wachstum könnte auch hier ein Corona-bedingter Nachholeffekt sein. Und dann liegen zwischen einem frischen Azubi-Abschluss und einem vollwertigen Versicherungsexperten mit 20 Jahren Berufserfahrung Welten. Während in den kommenden zehn Jahren über 68.000 erfahrene Innendienst-Mitarbeiter in Rente gehen, kommen bei gleichbleibend hohen Zahlen zwar genügend junge Talente nach, aber eben mit einem entscheidenden Unterschied: Sie stehen am Anfang ihrer Karriere. Ein erfahrener Underwriter, der komplexe Industrierisiken einschätzen kann, lässt sich nicht einfach durch einen Berufsanfänger ersetzen.
Hochspezialisierte Bereiche haben heute schon Probleme
Quelle Zahlen: Bitkom
Grafik: WK Personalberatung
Drei einfache Lösungen für den Fachkräftemangel in der Versicherungsbranche
1. Versicherer müssen im Kampf um Talente nachlegen
Wir beobachten bereits seit Längerem einen Paradigmenwechsel, eine Umkehrung der traditionellen Recruiting-Logik. Während es früher hieß „Wer will bei uns arbeiten?“, müssen Versicherer sich heute fragen: „Warum sollten Top-Talente bei uns arbeiten?“ Die Unternehmen müssen daher vom passiven Stellenausschreiber zum aktiven Talent-Magneten werden, und zwar dauerhaft und nicht nur bei einem akuten Bedarf.
Die gesamte Employer Experience im Auge behalten
2. Das Recruiting muss schneller modernisiert und digitalisiert werden
Grundlegende Anpassungen im Recruiting
3. Viele Prozesse können und müssen automatisiert werden
Technik nutzen, Mitarbeiter einbinden
Fazit
FAQs
Warum ist der Fachkräftemangel in der Versicherungsbranche so ausgeprägt?
Welche Bereiche sind vom Fachkräftemangel in der Versicherungsbranche am stärksten betroffen?
Reichen die steigenden Azubi-Zahlen aus, um den Fachkräftemangel in der Versicherungsbranche abzufedern?
Kurzfristig nicht. Zwar steigt die Zahl der Auszubildenden spürbar, doch sie können den Verlust erfahrener Innendienstmitarbeiter, Aktuare oder Underwriter nicht sofort auffangen. Es fehlen Praxiswissen, regulatorische Erfahrung und Kundenkontakte. Langfristig kann die Ausbildung ein Teil der Lösung sein, vorausgesetzt, die hohen Einstiegszahlen bleiben stabil und die Talente werden konsequent in der Branche gehalten.
Wie schlimm ist der Personalmangel bei Versicherern im Vergleich zu anderen Branchen?
Versicherungen verlieren bis 2030 über 30 Prozent ihrer Mitarbeitenden, deutlich mehr als andere Branchen. Während in Pflege, IT und Handwerk vor allem einzelne Berufsgruppen fehlen, sind bei Versicherern gleich mehrere Schlüsselbereiche betroffen: Aktuariat, Underwriting und IT gleichzeitig.



