Kreislaufwirtschaft rückt als Alternative zur linearen Wirtschaft immer stärker in den Fokus. Dabei geht es nicht nur um ökologische Herausforderungen, sondern vor allem auch um wirtschaftliche Resilienz, Wettbewerbsfähigkeit und Innovation. Indem Wirtschaftswachstum von der Extraktion primärer Rohstoffe entkoppelt wird, sollen insbesondere Wertschöpfungsnetzwerke widerstandfähiger aufgestellt werden.
Dafür wird qualifiziertes Personal benötigt. Viele der entscheidenden Weichenstellungen fallen in Produktentwicklung, Konstruktion und Fertigung – etwa bei der Werkstoffauswahl, der Fügetechnik sowie der Auslegung auf Demontierbarkeit, Prüfbarkeit, Reparierbarkeit und Wiederaufarbeitbarkeit. Diese Aufgaben liegen in erster Linie im Verantwortungsbereich von Ingenieurinnen und Ingenieuren, werden jedoch zunehmend durch Materialwissenschaft, Fertigungstechnik, Nachhaltigkeitsmanagement und Supply-Chain-Kompetenzen ergänzt.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Wirtschaftspotenzial: Die Wertschöpfung der Circular Economy in Deutschland könnte nach einem Szenario von BCG und BDI bis 2045 von rund 60 auf bis zu 125 Milliarden Euro im Jahr steigen (nominal).
- Regulierung: Regularien wie die EU-Ökodesign-Verordnung und der Digitale Produktpass legen für immer mehr Produktgruppen Anforderungen an Haltbarkeit, Reparierbarkeit und Produktdaten fest.
- Stellenmarkt: 15,6 Prozent aller Stellenanzeigen nannten 2025 mindestens eine Tätigkeit oder Kenntnis mit Bezug zu Kreislaufwirtschaft.
- Handlungsempfehlung: Unternehmen sollten Know-how früh in Entwicklung, Einkauf, Qualitätsmanagement und Aufarbeitung aufbauen und nicht erst bei akutem Bedarf reagieren.
Inhalt
- Kreislaufwirtschaft ist mehr als Recycling
- Status quo und wirtschaftliches Potenzial für Deutschland
- Hürden bei der Umsetzung
- Flaschenhals Personal
- Welche Profile entstehen in der Kreislaufwirtschaft?
- Fazit
- FAQs
Kreislaufwirtschaft ist mehr als Recycling
Im Alltag wird Kreislaufwirtschaft (Circular Economy, CE) häufig in erster Linie mit Mülltrennung und Recycling verknüpft. Dabei geht es um sehr viel mehr, nämlich um die Kreislaufführung von Ressourcen innerhalb der gesamten Wertschöpfung. In der Praxis wird dies durch sogenannte R-Strategien operationalisiert.
R-Strategien zur Operationalisierung der Kreislaufwirtschaft
Kreislaufwirtschaftliche Maßnahmen lassen sich entlang dieser R-Strategien (R0 bis R9) danach ordnen, wie früh sie im Produktleben ansetzen. Am Anfang stehen Maßnahmen, die Produkte einsparen oder klüger nutzen (R0 bis R2), gefolgt von solchen, die die Lebensdauer verlängern (R3 bis R7). Am Ende steht die stoffliche oder energetische Verwertung der Materialien (R8 und R9). Je früher eine Strategie in der Wertschöpfung ansetzt, desto stärker ist ihr Eingriff in Produkt und Geschäftsmodell, desto größer ist aber auch die potenzielle Reduzierung des Ressourceneinsatzes.
Status quo und wirtschaftliches Potenzial für Deutschland
Deutschland setzt jährlich mehr als 1,4 Milliarden Tonnen Material ein, mehr als jede andere Volkswirtschaft der EU, und importiert über 99 Prozent seiner Metallerze. Noch ist die Wertschöpfung der Industrie überwiegend linear. So lag die zirkuläre Materialnutzungsrate 2023 bei nur 14,5 Prozent. Momentan trägt die Kreislaufwirtschaft etwa 60 Milliarden Euro zur Wertschöpfung bei (= rund 2 Prozent der gesamtdeutschen Bruttowertschöpfung). Darin enthalten sind Reparaturen, Abfallwirtschaft und Sanierungsleistungen.
Was die Kreislaufwirtschaft der deutschen Industrie bringen kann: Potenziale bis 2045
Quelle Zahlen: BDI
Grafik: WK Personalberatung
Nach Berechnungen von BCG und BDI (Mai 2026) könnte dieser Wert bis 2045 auf bis zu 125 Milliarden Euro steigen und sich damit mehr als verdoppeln. Die größten Potenziale liegen in Mobilität, Maschinenbau, Bauwesen, Energie und Textil, die zusammen 62 Prozent der nationalen Wertschöpfung ausmachen. Davon würden Reuse, Refurbishment, Remanufacturing und Recycling den größten Anteil ausmachen, wirtschaftlich vor allem in Maschinenbau, Bau und Mobilität. Kumuliert könnte sich so bis 2045 eine Bruttowertschöpfung von 700 bis 880 Milliarden Euro ergeben. Im Maschinenbau sind je nach Anwendung Margen möglich, die mehr als fünf Prozentpunkte über denen der Neuproduktion liegen.
Hinzu kommt die verbesserte Versorgungssicherheit. Die Importquoten für Seltene Erden und strategische Batteriematerialien könnten bis 2045 um 20 beziehungsweise 10 Prozent sinken. Rund 60.000 Tonnen jährlicher Importe von Lithium, Nickel, Mangan, Kobalt, Silber und Seltenen Erden ließen sich durch Aufarbeitung im Inland ersetzen. Bei der Energiewende sind kumuliert Einsparungen von rund 38 Milliarden Euro möglich. Dem steht ein Investitionsbedarf von rund 20 Milliarden Euro Einmalinvestitionen bis 2045 gegenüber.
Hürden bei der Umsetzung
Dennoch steht die Umsetzung in Deutschland noch am Anfang (vgl. VDMA). Aus mehreren Gründen:
- Initialinvestitionen und Kostendruck: Die Umstellung auf zirkuläre Produktion erfordert Investitionen. Dies trifft auf ein derzeit schwieriges geopolitisches Umfeld mit hohen Energie- und Rohstoffpreisen und steigendem Druck durch Protektionismus.
- Akzeptanz- und Vertrauenshürden: Bei vielen Kunden herrscht nach wie vor ein gewisses Misstrauen gegenüber der Qualität und Langlebigkeit wiederaufbereiteter Produkte (Remanufactured/Refurbished).
- Mangelnde Datenverfügbarkeit und fehlende Standards (Informationsproblem): Eine der größten Hürden ist das Fehlen zugänglicher Produktdaten und einheitlicher Datenformate bzw. Schnittstellen über den gesamten Produktlebenszyklus hinweg.
- Geringe Bereitschaft zum Teilen von Daten im Ökosystem: Die unternehmensübergreifende Kollaboration entlang der Lieferkette ist bisher schwach ausgeprägt. Unternehmen zögern oft, Nutzungs- und Produktdaten untereinander auszutauschen.
- Herausforderungen für Zulieferer bei Geschäftsmodellen: Zirkuläre Modelle wie Betreiber- oder Rücknahmesysteme (Take-Back) werden bisher kaum umgesetzt. Insbesondere Tier-1- und Tier-2-Lieferanten haben es schwerer als Endgerätehersteller (OEMs), eigene Sharing- oder Betreibermodelle am Markt zu etablieren. Zudem fehlen interne Mess- und Steuerungssysteme (KPIs) für Zirkularität.
- Mangelnde Wirtschaftlichkeit: Lineare Geschäftsmodelle sind oft weiterhin profitabler, da Sekundärrohstoffe im Vergleich zu Primärrohstoffen teurer am Markt gehandelt werden. Insbesondere bei kleineren oder günstigen Komponenten (bspw. in der Pneumatik) übersteigen die Kosten für Rückwärtslogistik, Demontage und Wiederaufbereitung oft die Kosten der Neuproduktion.
- Fehlendes Ökodesign und mangelnde Modularität: Viele Produkte werden im Entstehungsprozess noch nicht modular oder demontagefreundlich gestaltet, was spätere Reparaturen oder Wiederaufbereitungen erschwert.
Hinzu kommen auch offene Fragen in Bezug auf Produkthaftung und Garantiebestimmungen, wenn gebrauchte Komponenten wiederaufbereitet und erneut in den Markt gebracht werden. Während der hohe Compliance-Druck durch neue Vorgaben wie der Ökodesign-Verordnung, Circular Economy Act bis Ende 2026, Recht auf Reparatur oder digitale Produktpässe Unternehmen dazu zwingt, kurzfristig erhebliche Ressourcen für neue Vorgaben aufzubauen, erschwert die regulatorische Unsicherheit gleichzeitig die langfristige und zielgerichtete Investitionsplanung.
Flaschenhals Personal
Unterm Strich muss dennoch gezielt Fachpersonal aufgebaut werden, das die durch die EU-Regulierung getriebene Transformation stemmt. Laut OECD könnten in der EU bis 2030 schätzungsweise 2,5 Millionen neue Arbeitsplätze durch den Übergang zur Kreislaufwirtschaft entstehen, insbesondere in Bereichen wie Recycling, Reparatur, Aufarbeitung und Wiederverwendung. Und Deutschland?
Seit 2019 ist der Anteil der Anzeigen mit Bezug zur Kreislaufwirtschaft um etwa ein Drittel gestiegen. Ein stärkerer Anstieg ist vor allem ab 2023 zu beobachten, insbesondere infolge verschärfter EU-Regulierung sowie geopolitisch bedingter Rohstoffknappheit und Lieferkettenproblemen (vgl. Bertelsmann 2026). Mit rund 1,5 Mio. Stellenanzeigen und einem Anteil von 15,6 Prozent im Jahr 2025 ist Circular Economy der größte Teilbereich innerhalb der Green Economy, vor Umweltschutz und Emissionsminderung (8,1 Prozent).
Personalnachfrage für Kreislaufwirtschaft steigt vor allem seit 2023
Da zusätzliche CE-Anforderungen den Bewerberkreis verkleinern, verzichten Unternehmen häufig darauf, diese in Stellenausschreibungen zu formulieren (vgl. CirQualityOWL plus 2025). Entsprechend könnte der Bedarf sogar untererfasst sein.
Welche Profile entstehen in der Kreislaufwirtschaft?
Die Nachfrage entsteht aktuell in erster Linie noch verzögert über Regulierung. Dennoch ist davon auszugehen, dass regulatorisches Wissen, Change-Management, interdisziplinäre Kenntnisse vor allem aus Technik, Recht und Kommunikation, nachhaltiges Produktdesign und ein grundlegendes Verständnis von Kreislaufwirtschaft zukünftig mehr Gewicht bekommen werden. Das betrifft natürlich zwei Ebenen:
CE-Spezialisten sind bislang sehr knapp am Markt, weshalb Unternehmen zum einen auf spezifische Anforderungen in ihren Ausschreibungen verzichten und zudem gezwungen sind, verstärkt auf interne Qualifizierung (u.a. Training on the Job, Erstellung interner Kompetenzlandkarten, Zertifikatskurse) zu setzen. Auch existieren nur wenige Studiengänge in Deutschland, die Kreislaufwirtschaft ausreichend als Querschnittsthema in bestehende Studiengänge (insbesondere bei Ingenieurwissenschaften und BWL) einbinden.
Entlang der Wertschöpfung und R-Strategien lassen sich Profile ausmachen, die zukünftig verstärkt nachgefragt werden könnten:
Zukunftsprofile in der Kreislaufwirtschaft: Wo sie in der Wertschöpfung ansetzen, geordnet nach den R-Strategien
Quelle Daten: Hochschule Bielefeld, VDI und Bertelsmann
Grafik: WK Personalberatung
Fazit
Kreislaufwirtschaft wird angesichts des wirtschaftlichen Potenzials zunehmend zum zentralen Hebel für Wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz in der deutschen Industrie. Regulierung verpflichtet Hersteller zunehmend zu langlebigeren, reparierbaren und recyclingfähigen Produkten, und viele der entscheidenden Weichenstellungen fallen früh in der Produktentwicklung.
FAQs
Wie sollten Unternehmen Stellenanzeigen formulieren, wenn die Bezeichnung „Circular Economy Manager“ am Markt kaum etabliert ist?
Sinnvoll ist in vielen Fallen ein Hybrid-Ansatz. Kreislaufanforderungen werden als Kernkompetenz in bestehende Profile aufgenommen, etwa in Stellen für Entwicklungsingenieure, Supply-Chain-Manager oder Qualitätsbeauftragte. Formulierungen wie „Erfahrung mit Design for Repair und Remanufacturing“, „Kenntnisse der Ökobilanzierung nach DIN EN ISO 14040 und 14044“ oder „Verständnis für Produktdaten im Lebenszyklus“ sprechen Kandidaten an, die diese Themen bereits kennen.
Sollten Unternehmen Kreislauf-Know-how extern gewinnen oder intern aufbauen?
Beides, mit jeweils anderen Schwerpunkten. Die Breite, etwa in Konstruktion, Einkauf und Qualitätsmanagement, lässt sich durch Weiterbildung bestehender Mitarbeiter abdecken, weil dort das Fachwissen relativ leicht ergänzt werden kann. Für Schlüsselprofile kann die gezielte Direktansprache externer Fachleute den Aufbau verkürzen. Welche Profile das sind, ist von Branche und Produkt abhängig.
Wie lässt sich das Thema Kreislaufwirtschaft im Employer Branding nutzen?
Kreislaufprojekte bieten konkrete Aufgaben an Produkt und Geschäftsmodell. Dazu gehören zum Beispiel die Frage, wie sich ein Antrieb aufarbeiten lässt, welcher Werkstoff einen nicht recycelbaren Verbund ersetzt oder wie Rücknahmeprozesse das Angebot verändern. Unternehmen können solche Projekte in Stellenanzeigen, auf Karriereseiten und in Gesprächen benennen bzw. vorstellen und für ihr Employer Branding nutzen.
Welche Weiterbildungsformate bieten sich an, um technisches und regulatorisches Know-how aufzubauen?
Als Anhaltspunkte für Inhalte nennt der Circular Skills Guide der Hochschule Bielefeld unter anderem VDI 2220 und 2221, die Ökobilanznormen DIN EN ISO 14040 und 14044, VDI 4800 sowie Software wie openLCA. Als Formate bieten sich abteilungsübergreifende Projekte an einem konkreten Produkt an, ergänzt durch externe Qualifizierungsangebote von Hochschulen und Fachverbänden. Da Anforderungen wie die der Ökodesign-Verordnung nach Produktgruppen gestaffelt gelten, sollte das Wissen regelmäßig aktualisiert werden.



